04.08.2018 – Rede eines Ur-Kandelers

Rede eines Kandeler Künstlers und „Ur-Kandelers“ bei der Kundgebung am 4. August am Freundschaftsengel. Danke für deine eindrücklichen Worte und deinen Apell: „Lassen wir uns nicht verführen, von den sogenannten „Führern“!  Widerstehen wir mit all dem, was uns als menschliche Wesen gegeben ist – an Mitgefühl und Verstand“ (Zitat von Konstantin Wecker).

 

Hallo, liebe Kandelerinnen & Kandeler!

Willkommen,
MitbürgerInnen & Freunde meiner Heimatstadt!

Wir alle wissen, warum wir heute hier sind. Wir wissen, wer jetzt gerade wieder durch die Straßen unserer Stadt läuft und was sie rufen und fordern werden.
Und wir wissen alle, was der schreckliche Auslöser dafür war. Daher muss ich das hier nicht noch einmal erwähnen.

Aber ich bin heute auch hier, um allen Kandelern meine persönliche Motivation mitzugeben, warum ich auf die Straße gehe.

Als „Ur-Kandeler“ war ich 51 Jahre meines Lebens ein politisch leidlich unaktiver Mensch. Daher stehe ich heute hier auch Abseits jeglicher Partei-Couleur – einfach als Bürger dieser Stadt. Doch um den Anfängen zu wehren, die sich inzwischen in „meiner“ Stadt ausbreiten, ist es an der Zeit, Flagge zu zeigen.

Flagge …

  • gegen die Verunglimpfung von Mitmenschen.
  • gegen pauschale Verurteilungen von Bürgern,
    Verwaltungsverantwortlichen und Geflüchteten in unserer Stadt.
  • gegen Demagogen, die sich erdreisten “Wir sind das Volk!“ zu plärren.
  • gegen Sprüche wie „Ich bin kein Rassist, aber …“
  • gegen Dummheit, Ignoranz, Empathielosigkeit und rechte Parolen.

Da wir nach dem heutigen Tag in den Sozialen Medien wieder lesen werden, was für „schlechte Deutsche“ wir sind, wie wenig uns Mias Tod zu kümmern scheint
und wie verantwortungslos wir und unsere gewählten Vertreter doch sind, sage ich gleich vorweg:

Die müssen es ja wissen!
Denn sie sind ja die „einzig wahren Deutschen“.
Und – nicht zu vergessen! – Sie haben außerdem ja das selbstverliehene Patent zu urteilen, zu beleidigen, zu verurteilen und Hass zu sähen!

Ein Mord ist und bleibt immer eine schändliche Tat – egal von wem an wem begangen!
Und eine solche Tat fordert die volle Härte der Verurteilung im Rahmen der geltenden Gesetze unseres Rechtsstaates.

Doch für gewisse Menschen ist der gewaltsame Tod eines Mädchens schon lange nur noch ein Aufhänger.
Der Aufhänger, um lauthals ihre Ideologie hinauszuschreien, ihre Fremdenphobie zu skandieren, uns vorschreiben zu wollen, wie wir unsere Trauer auszudrücken haben und Andersdenkende zu beleidigen, zu verspotten oder gar zu bedrohen.

Und sie werden die heutigen Gegenaktionen wieder als Versuch deklarieren, sie in ihrer Meinungsfreiheit beschränken zu wollen.

Allen, die sich sofort wieder auf ihr verfassungsmäßig gesichertes Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlung berufen werden, sei gesagt:

Ja, es ist gut und Inbegriff der Demokratie, dass wir dieses Recht haben.
Die Tatsache, dass etwas rechtsstaatlich verbrieft ist, besagt jedoch noch lange nicht, dass das dabei Geäußerte richtig, moralisch vertretbar oder unantastbar ist – und schon gar nicht, dass man es stillschweigend hinnehmen muss!

Gleiches Recht für ALLE!
Ich höre sie schon wieder jammern: „Wir wurden als Nazis beschimpft!“!

Dazu sei gesagt:
Es liegt mir absolut fern, irgendjemanden zu beschimpfen!

Aber Gegenfrage:
Wie völkisch-nationalistisch muss das Gedankengut eines Menschen sein, um als „rechtsextrem“ zu gelten?!

Und wie weit muss die Pauschalverurteilung eines anderen Menschen aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seiner Nationalität oder Religion gehen,
um ein „Rassist“ zu sein?!

Im Gegenzug mutieren sie zwei zu tiefst positive Worte unserer Sprache, nämlich „gut“ und „Mensch“ zu einem Schimpfwort.

Sie gebrauchen den Namen unserer Stadt als Slogan und Synonym für ihre Menschenverachtung.

Sie titulieren Menschen, die ihre Anschauung nicht teilen, die aufstehen und ausrufen „Nie wieder“! als „Faschisten“ und „Hetzer“!

Wie perfide ist das denn?!

Sie nutzen Aufrufe nach „Sicherheit“, „Schutz der Familie“ und „Gewaltlosigkeit“ als Tarnkappe für ihre Ziele – und ihre Demo-Mitläufer attakieren brutalst
Kandeler Bürger oder tragen Schreckschusswaffen mit sich.

Ihre Anhänger, „Teiler“ und „Follower“ in den „unsozialen Hetzwerken“ schrecken nicht davor zurück, Kommentare zu veröffentlichen wie „Das sollte euch mal passieren!“ oder „Meine Antwort: Zyclon B“!

… und skandieren auf einer Demo am 25.6. in Dresden als Antwort auf die von Italien zunächst abgewiesenen, geretteten Bootsflüchtlinge in Chor: „Absaufen! Absaufen!“
Sie vereinnahmen Symbole, die für mich bislang als unumstößliche Zeichen eines menschlich-demokratischen Gedankens standen:
Wie z.B. Schwarz-rot-gold, das Lied „Die Gedanken sind frei“ oder das Hambacher Fest.

… und gebrauchen diese fast im gleichen Atemzug mit den drohenden Worten „Unser Tag wird kommen! Und dann gnade ihnen Gott!“ (- so geschehen auf ihrer Kundgebung in Erfurt vor 3 Wochen)

Sie adaptieren Begriffe wie „Demokratie“, „Volkswille“ und „Freiheit“ und proklamieren diese im gleichen Moment ausschließlich für sich und Ihresgleichen.

Doch ihr zynisches Zurechtbiegen der Realität geht noch weiter:

Sie rufen auf zu einem statistischen Zahlenvergleich, wie viele Messerattacken und Tötungen es in Deutschland in den letzten Jahren durch Täter mit und ohne Migrationshintergrund gab. Geradeso, als gäbe es „gute“ und „schlechte“ Gewalt!

Sie legen sogar den „Austragungsmodus“ fest und spotten zum Erbrechen, wenn auf ihre absurde Idee nicht eingegangen wird.

Kurzum: Sie machen aus den tragischen Vorkommnissen ein „Gewinnspiel“!!!

DAS ist an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten!

Und allen entsandten Filmern und Protokollanten der „anderen Seite“ sei gesagt:

Vergesst nicht, im Anschluss wieder fleißigst eure braunen Eimer voller Häme und Spott auszugießen! Denn das erwartet man von euch.
Das seid ihr euren Nachläufern und eurer Geltungssucht schuldig …
Und es belegt jedes mal den wahren Kern eurer Gesinnung!
Warum ich euch erst einmal so viel über „Die Anderen“ erzählt habe, die seit über einem halben Jahr allmonatlich in unser Kandel einfallen?

Weil sie mit ihrer ach so simplen Scheinlogik und Schwarz-Weiß-Malerei allem ihren nationalistischen Anstrich verpassen wollen!

Weil dafür der Name und das Ansehen unserer Heimatstadt herhalten muss!

Weil sie Lügen und Halbwahrheiten über Kandels Bürger verbreiten!

Weil sie aufschreien „Wir sind keine Nazis!“, aber Rechtsextreme und Neo-Nationalisten aus ganz Deutschland zum Füllen ihrer Reihen akzeptieren, willkommen heißen oder gar ankarren!

Weil die gleichen Sprüche und absonderlichen Ziele vor 80 Jahren schon einmal durch die Straßen hallten!

Warum ich heute zu euch spreche?

Weil ich späteren Generationen guten Gewissens auf die Frage antworten können will: „Was hast du zu der Zeit getan?“

Weil es nur eine einzige Eigenschaft braucht, um NICHT bei denen mitzulaufen oder ihre Gleichgesinnten im „bürgerlichen Mäntelchen“ zu wählen. – Und diese Eigenschaft heißt ANSTAND!

Weil belegter Maßen Nichtstun und keine Gegenposition zu beziehen noch nirgendwo in unserem Land diese Schreihälse zum Verstummen
gebracht hat!

Weil ein Mensch, der gerade dabei ist zu ertrinken, weder Flüchtling, noch Migrant ist.
Der ist weder Afrikaner, noch Europäer, weder Christ, noch Moslem.
Er ist ein Mensch, der zu ertrinken droht und es ist alles zu tun, um ihn zu retten!
Warum WIR heute hier sind?

Weil es nicht darum geht, dass „wir nicht alle aufnehmen können“ – sondern schlicht um ein Mindestmaß an Zivilisiertheit!

Weil immer noch die wahlberechtigten Bürger einer Gemeinde bestimmen, wer ihr Bürgermeister ist und bleibt – und NICHT die!

Weil wir seit 73 Jahren in Europa in Frieden leben und kein Nationalisten-Desater diesen Frieden ins Wanken bringen darf!

Weil wir, als Kandeler, die Phrasen, die sie in unserer Stadt dreschen, nicht mehr hören können!

Und weil ich mir wünsche, dass mehr Kandeler mit uns dagegen aufstehen!

„Ich hätte mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können, dass dies einmal wieder so erschreckend notwendig und aktuell werden könnte.

Denn heutzutage rücken die „Neuen Patrioten“ ins Parlament und erklären die unmenschlichste Epoche der Menschheitsgeschichte zu einem „Vogelschiss in Anbetracht der 1000jährigen Geschichte des Deutschen Volkes“! „1000 Jahre Geschichte“?! Das sind dem Herrn Gauland wohl die Wahnvorstellungen eines „Führers“ dazwischen gekommen!?

Und es wird sich dabei immer wieder gebetsmühlenartig auf unsere „christlich-abendländischen Werte“ bezogen, die übrigens allesamt orientalischen Ursprungs sind. Jedenfalls wüsste ich nicht, dass die Bibel und das Neue Testament in Berlin, München oder Mainz geschrieben worden sind!

Was ist geschehen, seit der Hoffnung, dass irgendein „Neo-Liberalismus“ eben NICHT den letzten Rest von Mitgefühl aus den Herzen der Menschen
zu verjagen vermag?
Ein eigentlich völlig selbstverständliches Mitgefühl für gejagte, verfolgte, von Hunger und Krieg gepeinigte Menschen.
Ein Mitgefühl, das nur völlig verrohten Wesen nicht zu Eigen ist …
und natürlich ideologisch Verblendeten, die ihr ach so gut durchdachtes, starres Weltbild scheinbar aus freiem Willen wie eine Zwangsjacke über alles Lebendige ziehen wollen.

Gewissenlose Potentaten erkannten schnell ihre Chance und schlugen erbarmungslos zu – mit Parolen und Fakenews, mit vorgeschobener Bürgernähe und fahnenschwenkendem Unsinn.

Sie wissen, welche Ängste in einer verunsicherten Bevölkerung lauern.
Und sie weckten die Bestie, die in allen Verängstigten ruht.

Denn, wer seine Identität nicht in seinem tiefsten Inneren wahrnehmen kann, der sucht sie bei den „Identitären“ – in etwas wie Volk, Nation und Vaterland.

Es wird Zeit, dass wir dafür sorgen, dass diese „Braune Brühe“ nicht noch weitere Landstriche überschwemmt!

Vielleicht erscheint der Widerstand dagegen vielen sinnlos. Und mancher wird sich sagen: „Was kann ich denn schon dagegen tun … alleine … ohne Gleichgesinnte?!“

Und denen, liebe Freunde, gilt es Mut zu machen! Denn die, die mit dem Herzen denken, sind – und dessen bin ich mir sicher –
immer noch in der Überzahl! … Aber schrecklich verunsichert und nicht annähernd so lautstark.

Nicht jeder, der jetzt begeistert den Neofaschisten, Patrioten und Nationalisten hinterher hechelt, ist ein Nazi. Aber sie haben sich die „Nazi-Brille“ aufsetzen lassen.

„Lassen wir uns nicht verführen, von den sogenannten „Führern“!  Widerstehen wir mit all dem, was uns als menschliche Wesen gegeben ist – an Mitgefühl und Verstand!“

Diese letzten Gedanken waren nicht die meinen. Aber sie haben mir aus der Seele gesprochen. Ich habe mir erlaubt, einen Sänger und Poeten in Teilen zu zitieren, den ich sehr schätze. Dies selbstverständlich nicht, ohne mir vorher dessen Zustimmung einzuholen, die ich sehr bereitwillig erhalten habe.

Und daher möchte ich auch mit der letzten Zeile seiner Antwort schließen: „Ich wünsche euch viel Kraft und Mut in diesen barbarischen Zeiten. Dein Konstantin Wecker“

Dem füge ich nur noch hinzu: Vielen Dank für euer Zuhören!

Und: NIE WIEDER!!!

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